Wenn Stärke zur Überforderung wird
- Monika Schwarz

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Ich wollte stark sein. Verlässlich. Perfekt. Doch irgendwann wurde genau das zu meiner grössten Schwäche

Heute erzähle ich eine persönliche Geschichte aus meinem Leben im Jahre 2010. Ich erzähle von der dunkelsten Zeit meines Lebens. Meiner Erschöpfungsdepression.
Grundsätzlich bin ich ein sehr resistenter Mensch. Mich bringt nicht so schnell etwas aus der Fassung. Meine unschönen Erfahrungen als Kind haben mich in vielerlei Hinsicht gestärkt und widerstandsfähig gemacht. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Wieso bin ich dennoch dort hineingeraten?
Ja, eine sehr gute Frage – und dennoch ganz einfach zu beantworten: Weil ich am meisten mit meiner eigenen Limitierung kämpfen musste. Meistens mit dem inneren Glaubenssatz: Du bist nicht gut genug. Du kannst nichts. Der Klassiker.
Ich wollte immer perfekt sein. Alles richtig machen. Ich hatte einen enorm hohen Anspruch an mich selbst. Ich konnte mich nicht abgrenzen, sagte viel zu oft Ja statt Nein. Ich wollte gefallen. Wollte, dass alles harmonisch ist – und so weiter.
Zu dieser Zeit hatte ich einen Job – eine sogenannte Zwischenlösung – weit entfernt von einem Traumjob – und dennoch gab ich mehr als 100 Prozent. Auch meine Rolle als Mama wollte ich zu hundert Prozent erfüllen. Dazu kam meine Partnerschaft, die sehr belastend war, mangels guter Kommunikation und echter Verbindung über mehrere Jahre.
Also funktionierte ich. Ich trug. Ich übernahm Verantwortung – oft mehr, als meine Rolle überhaupt vorsah. Meine eigenen Ressourcen erkannte ich gar nicht oder viel zu spät. Ich rutschte in eine tiefe Schlaflosigkeit. Zu lange dachte ich: Das kommt schon wieder gut. Ich wollte niemanden enttäuschen und hatte nicht den Mut einzugestehen, dass ich nicht mehr konnte.
Von Woche zu Woche wurde es schlimmer.
Tagsüber erschöpft bis ins Mark.
Keine Energie.
Keine Freude.
Nachts wach.
Mein Nervenkostüm war hauchdünn.
Ein falsches Wort – und die Tränen liefen nur so.
Der Himmel über mir wurde dunkler.
Auch in meinem Inneren herrschte Dunkelheit.
Unschöne Gedanken und die Balance
für meine Kinder da zu sein.
Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als einfach schlafen zu können.
Nur schlafen. Vielleicht auch für immer?
Ich wünschte mir ein Ort zum Verkriechen.
Keine Fragen.
Keine Erwartungen.
Nicht einmal meine eigenen.
Schliesslich kündigte ich meinen Job, weil ich dachte, ich komme dann zur Ruhe. Doch das blieb bei einem Wunsch. Mein Körper und vor allem mein Kopf waren schon so programmiert auf all diese Muster, dass sich an meiner Schlafsituation nichts änderte. Ich war ziemlich hilflos und am Ende. Dazu kam, dass ich mich noch einsamer fühlte als vorher – nicht gesehen und nicht verstanden.
Nach langem Hin und Her ging ich zum Arzt – in der Hoffnung, er würde mich in eine Schlafklinik einweisen. Doch meine Symptome reichten nicht aus. Es gab keine „organischen“ Gründe. Stattdessen erhielt ich als erstes die Diagnose einer geschädigten Schilddrüse – lebenslange Medikamente – begleitend mit dem Satz vom Arzt "Liebe Frau Schwarz, Sie sind nicht die einzige. Damit müssen Sie sich jetzt abfinden." Und zum anderen die Diagnose einer tiefen Erschöpfungsdepression. Ich bekam eine Schachtel Antidepressiva, begleitet von der Frage: „Soll ich Sie zu einem Psychologen verweisen?“
Und das war alles? Diese paar Minuten nahmen mir sämtliche Hoffnungen auf eine Besserung. Lebenslange Medikamente? Ich verstand gerade nicht was passierte. Und dann war da noch die Rede von einem Psychologen? Meine Antwort kam ziemlich rasch und mit einem klaren Nein. Denn alles, was ich zu diesem Zeitpunkt wollte, war einfach wieder schlafen zu können. Warum war das so schwer? Ich sah gerade die ganzen Zusammenhänge nicht.
Ich fühlte mich noch ohnmächtiger als zuvor. War enttäuscht und frustriert. Also waren meine letzte Hoffnung diese Medikamente. Ich hatte grossen Respekt vor ihnen. Also nahm ich jeweils nur die Hälfte einer Tablette. Sie halfen mir tatsächlich, wieder in einen geregelten Schlafrhythmus zu kommen. Und irgendwann, nach mehreren Wochen, ja Monaten, schaffte ich es, die Tabletten ganz abzusetzen. Aber damit war es noch nicht getan. Ich hatte noch einen langen Weg vor mir.
Und ganz ehrlich?
Wie oft wünschte ich mir einen Beinbruch.
Mit einem sichtbaren Gips.
Etwas, das man sieht.
Etwas, das erklärt.
Etwas, das Verständnis auslöst.
Etwas, das Zeitlich absehbar ist.
Stattdessen musste ich mich erklären.
Warum ich keinen Job hatte.
Ob ich auf der Suche bin?
Wie sehen meine Pläne aus?
Und innerlich?
Hätte ich am liebsten geweint.
Es war erdrückend, dass man mir von aussen nicht ansah,
wie es mir innen wirklich ging.
Der Gesellschaftsdruck war allgegenwärtig.
Im Laufe der Zeit fasste ich einen stillen Entschluss: Ich werde meinen eigenen Weg zur Heilung finden. Ich hatte zwar noch keinen Plan. Aber ich wusste, dass ich nicht stehenbleiben würde. Mit Geduld, Entschlossenheit und dem wachsenden Glauben daran, dass ich mehr kann, als nur irgendwie „mich damit abzufinden“, begann mein Weg zurück.
Die Heilung verlief langsam. Sehr langsam. Und sehr anstrengend. Und sie war erst der Anfang. Ich begann, mich intensiv für die Psyche des Menschen zu interessieren. Wollte Zusammenhänge verstehen. Wollte begreifen, was in mir geschehen war. Neben dem Lesen, Lernen und Reflektieren entfachte sich in mir eine weitere Leidenschaft. Die Fotografie. Besonders die Makrofotografie faszinierte mich. Ich entdeckte und fokussierte mich auf das Unscheinbare. Auf das - was wir mit blossem Auge oft gar nicht sehen können.

Das Fotografieren war Heilung für meine Seele. Es fühlte sich an wie Meditation. Es schenkte mir Ruhe. Langsam begannen sich die schwarzen Wolken in blaue zu verwandeln.
Langsam kam wieder Freude auf und Hoffnung auf bessere Zeiten. Zwei Jahre nach meinem absoluten Tiefpunkt nahm ich mir eine Auszeit – vier Monate in Peru. Danach begann ich mehrere Ausbildungen. Ich wurde erstmals mit Persönlichkeitsmodellen konfrontiert, die mir halfen, mich selbst besser zu verstehen. Alles, was ich lernte, heilte nicht nur meine psychische Gesundheit, sondern gab mir auch Werkzeuge in die Hand. Werkzeuge, um schwierige Entscheidungen für mein eigenes Glück und meinen Erfolg zu treffen.
So begann ich, an der Beziehung zu mir selbst zu arbeiten. Und an der Beziehung zu meinem Mann. Denn sie war kurz vor dem Aus. Ich ordnete mein privates und berufliches Leben neu. Verliess alte, belastende Orte. Wagte Ende 2016 einen Neuanfang.
Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil ich damals mit meinen 41 Jahren genau in dieses Jahrsiebt passte, 35-42, das Finden der Identität in der Welt.
Was will ich eigentlich wirklich?
Was ist mein Eigenes?
Wer bin ich – jenseits von Rollen, Erwartungen und Mustern?
Und warum spreche ich von einer Erschöpfungsdepression und nicht von einem Burnout? Weil es da Unterschiede gibt:
Eine Erschöpfungsdepression ist eine Form der Depression, die sich vor allem aus anhaltender Überlastung entwickelt.
Typisch ist:
andauernde körperliche und seelische Erschöpfung
Antriebslosigkeit
Schlafstörungen
Konzentrationsprobleme
Gefühl von innerer Leere
oft auch Selbstzweifel („Was stimmt mit mir nicht?“)
Der Körper zieht irgendwann die Notbremse.
Nicht aus Schwäche – sondern aus Selbstschutz.
Viele Betroffene sagen rückblickend:
„Ich habe funktioniert. Zu lange.“
Und was ist ein Burnout?
Burnout ist kein eigenständiges psychiatrisches Krankheitsbild, sondern wird offiziell als arbeitsbezogenes Erschöpfungssyndrom beschrieben.
Typisch für Burnout:
chronischer Stress im Beruf
emotionale Erschöpfung
innere Distanz oder Zynismus gegenüber der Arbeit
Leistungsabfall
Burnout beginnt meist im Kontext von Arbeit oder Verantwortung.
Wo liegt der Unterschied?
Burnout | Erschöpfungsdepression |
Meist arbeitsbezogen | Betrifft das ganze Leben |
Fokus auf Überlastung | Tiefe depressive Symptome |
„Ich kann nicht mehr arbeiten“ | „Ich kann nicht mehr leben wie bisher“ |
Emotional ausgebrannt | Hoffnungslos, leer, kraftlos |
Wichtig:
Ein Burnout kann in eine Depression übergehen, wenn nichts verändert wird. Viele Menschen starten mit Burnout-Symptomen – und landen in einer Erschöpfungsdepression.
Warum ist das so tückisch?
Weil besonders leistungsstarke, resiliente, verantwortungsvolle Menschen betroffen sind.
Nicht die Schwachen.Sondern oft die, die:
hohe Ansprüche an sich selbst haben
schlecht Nein sagen können
Anerkennung suchen
viel tragen
„nur noch schnell“ alles fertig machen
Das Nervensystem steht dauerhaft unter Spannung – bis es irgendwann kollabiert.
Ein wichtiger Perspektivenwechsel
Eine Erschöpfungsdepression ist kein Versagen. Sie ist ein System-Reset.
Der Körper sagt ganz klar:
„So geht es nicht weiter. Du übergehst dich.“
Und wenn man – so wie ich – später beginnt, das Ganze biografisch zu betrachten (Jahrsiebte, Identitätsphase 35–42), bekommt es plötzlich Sinn.
Nicht schön. Aber sinnhaft.
Zu diesem Thema ist auch mein Blogbeitrag "Midlife – der unterschätzte Neubeginn" sehr interessant. Zwischen 35 und 49 geschieht etwas, das niemand ankündigt.
Nach außen läuft alles. Nach innen beginnt es zu bröckeln...
Abschliessend noch etwas ganz wichtiges!
Ich erzähle hier meine Geschichte – nicht als Anleitung zur Selbstheilung, sondern als ehrlicher Einblick. Jeder Mensch ist anders. Wenn du merkst, dass du Unterstützung brauchst, hol dir bitte professionelle Hilfe. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Mein Weg ist mein persönlicher Erfahrungsweg – keine allgemein gültige Lösung.
Meine Geschichte soll dich ermutigen, dass es durchaus möglich ist, sein Leben wieder in eine ganz neue und gute Richtung zu lenken. Den Mut zu haben, öfters Nein zu sagen, auf sein Herz zu hören. Heute erkenne und achte ich meine Ressourcen und das wünsche ich dir auch. ツ
Von Herzen ♥ Monika, dein Mentor & Coach


